Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, Dr. Christean Wagner, hat sich in einem öffentlichen Brief empört über Äußerungen führender Sozialdemokraten zur ehemaligen DDR gezeigt. SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier hatte in einem Interview mit der Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) zur Situation in der DDR erklärt, "und trotzdem war nicht jeder jeden Tag unglücklich" und Ministerpräsident Sellering in seinen Aussagen bestätigt. Ministerpräsident Sellering hatte zuvor, ebenfalls in der FAS, gesagt, "die alte Bundesrepublik hatte auch Schwächen, die DDR auch Stärken" sowie zur DDR habe "immer auch ein Schuss Willkür und Abhängigkeit" gehört. Zudem hat er zu den angeblichen Stärken der DDR deren Kindertagesstätten und Schulen sowie die Gesundheitsversorgung gezählt. "Die Erklärung Steinmeiers ist in höchstem Maße abwegig. Er relativiert die Schrecken der SED-Diktatur und versucht gar, ihr ein menschliches Antlitz zu geben", kritisierte Wagner.

Der öffentliche Brief im Wortlaut:
"Hunderte Mauertote, Tausende Häftlinge und 16 Millionen eingesperrte DDR-Bürger werden demgegenüber von Herrn Sellering mit keinem Wort erwähnt. Der Verantwortung als Ministerpräsident entspricht es aber, den Verharmlosungsbemühungen der in "Die Linke" umbenannten ehemaligen SED deutlich entgegenzutreten und ihnen nicht auch noch Vorschub zu leisten. Seine Äußerungen können nur als Schönreden der SED-Diktatur bezeichnet werden. Es wäre besser gewesen, anlässlich des in diesem Herbst bevorstehenden 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls an die Opfer der DDR zu erinnern und vor den Folgen von Sozialismus und Diktatur eindringlich zu warnen.
Zunächst ist es schlicht unwahr, dass zur DDR nur "ein Schuss Willkür und Abhängigkeit" gehört habe. Das Gegenteil ist richtig: Etwa jeder 70. zwischen 18 und 80 Jahren - eine erschreckend hohe Zahl – ist am Ende der DDR entweder offizieller oder inoffizieller Stasimitarbeiter gewesen. Das SED-Regime bespitzelte seine Bürger systematisch durch das Ministerium für Staatssicherheit. Wessen private oder berufliche Lebensführung der Staatsführung nicht systemkonform genug war, musste mit Gefängnisstrafen oder zumindest mit dem Verlust des Arbeitsplatzes rechnen. "Willkür und Abhängigkeit" waren allgegenwärtige und prägende Elemente der Herrschaft der SED über ihre Bürger, sie dienten dazu, das Volk gefügig zu halten und kritische Meinungsäußerungen im Keim zu ersticken.
Auch die damaligen "Kinderkrippen" in der DDR waren nicht so "vorbildlich", wie Herr Sellering es uns Glauben machen will. Schon im Alter von 3 Jahren wurden damals die Kindergartenkinder im Sinne des Marxismus-Leninismus indoktriniert und von klein auf zu "sozialistischer Moral" erzogen. In den Lehrplänen war vorgesehen, dass die Kinder "freundschaftliche Gefühle zu den Soldaten der NVA herausbilden". Das Lied "Der Volkspolizist" mussten schon die Kleinsten singen. Es stellt sich daher die Frage, warum Herr Sellering der Öffentlichkeit zu suggerieren versucht, dass die Kinderkrippen der DDR als Vorbild für die heutige Familienpolitik dienen könnten.
Am unverständlichsten ist der von Herrn Sellering vorgenommene Vergleich zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik. Keiner will den früheren DDR-Bürgern ihre Biographie nehmen und ihr Leben, das sie unter den schwierigen Bedingungen einer Diktatur leben mussten, abwerten. Daraus folgt aber nicht, die Verhältnisse in der DDR aus politischen Gründen zu beschönigen. Die DDR war ein Prototyp eines Willkürstaats, und es gibt keinen Grund dafür, sie als normales Gemeinwesen mit positiven wie negativen Eigenschaften darzustellen. Natürlich gab es auch in der DDR wie in jeder Diktatur vereinzelte als positiv angesehene Elemente. Diese erlauben es aber noch lange nicht, einen demokratisch legitimierten Rechtsstaat wie die Bundesrepublik mit der SED-Diktatur zu vergleichen. Mit einem solchen unangemessenen Vergleich betritt Herr Sellering den gefährlichen Irrweg, den "Die Linke" ihm vorbereitet hat".

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