Ein Beitrag von Michael Boddenberg, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag, in der F.A.Z. vom 7. August 2014

Seit geraumer Zeit lässt sich in Deutschland eine bedenkliche Einseitigkeit in den bildungspolitischen Diskussionen beobachten. Wie ein Satellit kreisen die Gedanken vieler Eltern, Bildungsverbände, Wissenschaftler und Politiker dabei nur um das Gymnasium. Die Entscheidung über ein Jahr mehr oder weniger auf dem Weg zum Abitur erhitzt regelmäßig die Gemüter. Statt für eine Gleichwertigkeit von beruflicher Bildung und Hochschulstudium plädieren Organisationen wie die OECD oder die Bertelsmann Stiftung einseitig für möglichst hohe Abiturienten- und Studierendenquoten. Diese Sichtweise prägt seit Jahren auch die Doktrin zahlreicher linker Politiker, bei denen sich Menschen ohne Abitur häufig zurückgesetzt fühlen müssen.
Über zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung haben freilich kein Abitur und stehen dennoch mitten im Leben. Sie können trotzdem oder gerade deshalb auf einen erfolgreichen Lebensweg und eine erfüllende Berufswahl jenseits von Gymnasium und Hochschulstudium blicken. Ein ordentlicher Haupt- oder Realschulabschluss ist unvermindert die Voraussetzung für eine gute Ausbildung in den Betrieben und an den beruflichen Schulen im Rahmen der dualen Ausbildung. Tag für Tag leisten Menschen ohne Abitur als Facharbeiter in der Industrie, als kaufmännische Angestellte im Einzelhandel, als Zahntechniker oder als Meister im Handwerksbetrieb einen herausragenden Beitrag zum Wachstum und Wohlstand in unserem Land.

Die Verengung der bildungspolitischen Diskussion auf Gymnasien und Hochschulen wird den oft beeindruckenden Karriereverläufen dieser Menschen nicht gerecht – und sie führt auf einen verhängnisvollen Weg: Bereits heute bricht mehr als ein Viertel der Studierenden in Deutschland das Studium vorzeitig ab. Bildungsexperten, Wirtschaftsverbände und Hochschullehrer warnen vor einer sich deutlich über dem Bedarf entwickelnden Zahl von Akademikern, unter anderem in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Auf der anderen Seite klagen Handwerksbetriebe und Dienstleistungsunternehmen über den in einigen Branchen und Regionen rapide zunehmenden Mangel an Auszubildenden und qualifizierten Fachkräften. Trotz ausgezeichneter Karriereaussichten und finanziell lukrativer Aufstiegschancen für Facharbeiter entscheiden sich zu wenig junge Menschen für eine duale Ausbildung und wählen stattdessen den Weg in die Hörsäle. Nicht selten verbunden mit einer ungewissen beruflichen Zukunft für die Betroffenen und gleichzeitig mit erheblichen Folgen für den Mittelstand. Da sich der Anteil der unbesetzten Stellen in den vergangenen fünf Jahren etwa verdoppelt hat, wird die Fortsetzung dieses Trends zu einer der großen bildungspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

Erfolg misst sich nicht nach dem Abschlusszeugnis, sondern nach dem, was die Menschen aus ihren Möglichkeiten machen. An die Stelle von Akademisierungwahn und dem ängstlichen Blick auf die nächste OECD-Studie müssen wir die Zukunftschancen und Berufsperspektiven der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt rücken. Gute Bildung für alle Menschen in unserem Land ist nicht gleichbedeutend mit der Notwendigkeit eines Studiums für alle. Eine sozial gerechte Bildungspolitik schafft nicht die Voraussetzungen für formale Abschlüsse, sondern für praktische Qualifikationen und Befähigungen zur Bewältigung des Berufs- und Lebensalltages. Hierzu bedarf es auch künftig unterschiedlicher Bildungswege und unterschiedlicher Schulformen, die auf Berufskarrieren vorbereiten und es allen ermöglichen, ihre Chancen bestmöglich zu nutzen.
An keinem anderen Wert zeigt sich der Erfolg des differenzierten Bildungssystems in Deutschland, in dem auch Haupt- und Realschulen weiterhin eine große Bedeutung haben, so deutlich wie bei europäischen Statistiken zur Jugendarbeitslosigkeit. Das ob seiner hohen Akademikerquote gelobte „OECD-Musterland“ Spanien wartet im April 2014 auch mit einer erschreckend hohen Jugendarbeitslosenquote von 53,5 Prozent auf. Das wegen vergleichsweise wenigen Jungakademikern kritisierte Deutschland steht dagegen mit lediglich 7,9 Prozent Jugendarbeitslosigkeit einsam an der Spitze aller 28 EU-Staaten.

Unser Ziel muss es sein, diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben und die duale Ausbildung in diejenigen Mitgliedstaaten der EU zu exportieren, die deren Wert erkannt haben und die deutschen Kammerorganisationen in zunehmendem Maße nach Unterstützung bei der Etablierung ähnlicher Bildungsstrukturen fragen. Dies wird aber nur dann gelingen, wenn wir selbst nicht den gegenteiligen Weg einschlagen, sondern wieder mehr junge Menschen als bisher für eine Lehre oder eine Ausbildung gewinnen. Dazu brauchen wir auch in Zukunft alle Schulformen, die mit ihren vielfältigen Schwerpunkten, Bildungszielen und Abschlüssen dafür sorgen, dass sich die Vielfalt der späteren Erwerbsfelder in den Bildungschancen widerspiegelt. Nur dann lernen die Schülerinnen und Schüler tatsächlich nicht nur für die Schule, sondern für das Leben.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Ansprechpartner

Michael Boddenberg

Finanzminister, Staatsminister für Bundesangelegenheiten a.D.

+49 69 96200004
E-Mail senden