„Aus den vielfältigen Erfahrungen und Lehren der deutschen Geschichte heraus leitet sich für jeden eine persönliche Verantwortung für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft ab. Gerade als Parlamentariern muss uns dabei bewusst sein, dass die Existenz freiheitlich-demokratischer Strukturen in Deutschland und Europa aus historischer Perspektive heraus beileibe keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr eine dauerhafte Aufgabe und Herausforderung darstellt. Aus der Chance des Neubeginns, die den Deutschen im Westen nach 1945 und im Osten nach 1989 gegeben worden ist, leitet sich eine Verpflichtung zu geschichtlichem Bewusstsein und der Fähigkeit zur Rückschau und Einordnung der Vergangenheit ab. In diesem Sinne bildet auch die heutige Tagung einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Geschichte des Landes Hessen und der Motive und Spannungsfelder der damals handelnden Akteure“, stellte der CDU-Landtagsabgeordnete Tobias Utter anlässlich der heutigen Tagung der Kommission des Hessischen Landtages für das Forschungsvorhaben ‚Politische und parlamentarische Geschichte des Landes Hessen‘ zur NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter fest.

„In einem ersten Teil soll am heutigen Tag die NS-Vergangenheit in den deutschen Parlamenten nach 1945 untersucht werden. Die vom Hessischen Landtag diesbezüglich in Auftrag gegebene und vor wenigen Wochen vorgestellte Studie der Historiker-Kommission gelangte dabei zu dem Ergebnis, dass im Hessischen Landtag nach Kriegsende frühere Mitglieder der NSDAP oder ihrer Gliederungen in allen Parteien aufgenommen und dadurch im Sinne der alliierten Zielsetzungen von Demokratisierung und Entnazifizierung zugleich auch in die freiheitlich-demokratische Nachkriegsordnung absorbiert wurden. Ähnliche Ergebnisse hat die historische Forschung in der Vergangenheit auch bereits für die anderen in der heutigen Tagung vorgestellten Parlamente verzeichnet. Während nach dem Ersten Weltkrieg die Weimarer Republik in eine Demokratie ohne Demokraten deformiert wurde und die Extremisten von links und rechts die Freiheits- und Grundrechte systematisch attackierten und aushöhlten, blieb in der Bonner Republik nach dem Zweiten Weltkrieg das Wiederaufkeimen einer antidemokratischen und diktatorischen Gesinnung im Westen Deutschlands überwiegend aus“, so Utter.

„Am morgigen Tag wird sich die Tagung mit den Perspektiven der Forschung beschäftigen und über die quantitative Kategorisierung der Zugehörigkeit ehemaliger Abgeordneter zur NSDAP und ihren Gliederungen hinaus einige zentrale Aspekte im Rahmen der Einordnung und Bewertung historischer Fakten, Strömungen und Prozesse diskutieren. Insbesondere die Frage nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Übergang von der Diktatur zur Demokratie wird dabei von Bedeutung sein. Die statistischen Erhebungen zu formalen Mitgliedschaften können selbstredend nur schwerlich Auskunft über die Mentalitäten und Geisteshaltungen der Betroffenen geben und verlangen daher auch nach einer sorgfältigen und individuellen Differenzierung. Die Überzeugungstat eines fanatischen Anhängers der Nationalsozialisten wird freilich anders zu bewerten sein, als die formale Zugehörigkeit eines jungen Menschen, der unter dem totalitären Klima der NS-Zeit nicht die Kraft zum Widerstand gegen ein despotisches Regime fand und sich dadurch als ‚Mitläufer‘ in die Reihen der Angepassten einreihte. Im Rahmen der Geschichte des deutschen Parlamentarismus wird die Totalitarismusforschung zudem das Spannungsfeld der rein nominalen Mitgliedschaften großer Persönlichkeiten der hessischen Landesgeschichte in nationalsozialistischen Organisationen und deren Verdienste um den Aufbau eines freiheitlich-demokratischen Staatswesens nach der Überwindung von Krieg und Diktatur zu thematisieren haben. Perspektivisch wird die vergleichende Elitenforschung ferner auch die Frage untersuchen müssen, weshalb in der Bundesrepublik der Neubeginn nach 1945 zugleich einen Bruch der Gesinnung mit der Vergangenheit herbeigeführt hat, während nach der Überwindung der zweiten deutschen Diktatur 1989 verfassungsfeindliche Mentalitäten im deutschen Parlamentarismus überdauert haben“, so Utter.

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Ansprechpartner

Tobias Utter

Europapolitischer Sprecher,
Mitglied im Ältestenrat

+49 6101 89707
t.utter@ltg.hessen.de